Hereditäre Tumorerkrankungen

Welche Auswirkungen kann die genetische Diagnostik bei Tumorerkrankungen auf die Therapie haben?

 

Herzlich Willkommen zu einer weiteren Podcastfolge von Klinisch Relevant. Wir melden uns nach den Osterfeiertagen zurück und sprechen mit Frau Prof. Dr. med. Möslein, Viszeralchirurgin am Bethesda-Krankenhaus in Duisburg, über hereditäre Tumorerkrankungen. Diese treten vor allem bei jüngeren Patienten auf und werden in bestimmten Fällen, je nach Mutation, unterschiedlich therapiert. Wir haben für euch in Erfahrung gebracht, wie eine genetische Testung abläuft, wieso die genetischen Testungen zunehmend an Bedeutung gewinnen werden und bei welchen Patienten man hellhörig werden sollte.

Viel Spaß beim Zuhören!

 

Warum sind spezialisierte Abteilungen wichtig?

  • Erkenntnisgewinn ist rasant und schwer zu überblicken.
  • Es werden nicht nur einzelne Patienten, sondern ganze Familien betreut. Es ist von Vorteil die Krankengeschichte im Ganzen überblicken und ein Vertrauensverhältnis mit den Patienten aufbauen zu können.

Wie gelangen die Patienten zu Ihnen?

  • Grundsätzlich werden Patienten überwiesen bzw. eingewiesen.
  • Es melden sich aber auch Patienten selbstständig, die sich für genetische Testungen interessieren.
  • Insbesondere tritt dies dann auf, wenn eine familiäre Belastung bekannt oder der Patient für die Erkrankung außergewöhnlich jung ist.
  • In solchen Fällen melden sich junge Patienten selbstständig oder werden durch die behandelnden Ärzte weitergeleitet.
  • Junge Patienten (<50 Jahre) mit Krebserkrankungen sollten schauen, ob in ihrer Familie diese Erkrankung häufiger vorkommt. Ein genetischer Test wäre auch ohne bekannte Krebserkrankungen in der Familie sinnvoll.

Wie sicher ist die Familienanamnese zur Feststellung einer hereditären Tumorerkrankung?

  • Bei zunehmenden Testungen zeigt sich, dass je jünger der Patient mit der Krebserkrankung ist, desto häufiger verbirgt sich hinter der Krebserkrankung eine relevante genetische Veränderung.
  • Bei einer positiven Familienanamnese spielen für den Humangenetiker folgende Punkte eine Rolle:
    • Welche Krebserkrankung?
    • Wie viele Fälle sind aufgetreten?
    • In welchem Alter sind diese aufgetreten?
    • Mütterlicherseits oder väterlicherseits?
  • Die Familienanamnese ist wichtig, aber das Alter des Patienten ist wichtiger.

Welche Tumore sehen Sie häufig?

  • Dickdarmtumore
  • Brusttumore
  • Schilddrüsenkarzinom
  • Dünndarmtumore
  • Magentumore
  • Es kommt natürlich auf die Spezialisierung der Fachabteilung an, welche Krebserkrankungen häufig gesehen werden.
  • Genetische Mutationen müssen nicht immer im selben Organ zu einer Krebserkrankung führen.

Wie erfolgt die Durchführung der genetischen Untersuchung? Übernimmt die Krankenkasse die Kosten? Wie kommunizieren Sie die Notwendigkeit der Untersuchung?

  • Eingebettet in einer humangenetischen Beratung
  • Krankenkassenleistung. Die gesetzlichen Krankenversicherungen übernehmen die Kosten. Private Krankenversicherungen sollte man um einen Kostenvoranschlag bitten. Die Kosten werden in der Regel übernommen.
  • Jeder Arzt kann die Aufklärung für einen Gentest übernehmen.
  • Damit das Labor allerdings für die Testung auch bezahlt wird, ist der übliche Ablauf über die Humangenetik notwendig.
  • Die Kosten sind in Deutschland unverhältnismäßig hoch im Vergleich zu anderen Ländern.
  • Die prädiktive Testung erfordert eine sehr gute Aufklärung, da diese eine besonders hohe psychische Belastung mit sich führen kann.

Worin liegt der Vorteil der genetischen Diagnostik in der Behandlung von Tumorerkrankungen?

  • Präventionsmöglichkeiten
  • Lynch-Syndrom: Führt häufig zu Dickdarmkrebs und weiteren Tumorerkrankungen wie z.B. Gebärmutterkrebs. Die tägliche Einnahme von ASS kann im Langzeitverlauf die Entwicklung von etwa 50% der Karzinome verhindern.
  • Es gibt den Patienten die Möglichkeit, sich bewusster zu entscheiden. Beispielsweise ob bei einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit für Brustkrebs eine prophylaktische Mastektomie durchgeführt werden soll, oder nicht.

Kann sich das Ergebnis der genetischen Testung auf die nicht-chirurgische Therapie auswirken? Welche Bedeutung hat die genetische Testung für die Therapie?

  • Beispiel: Li-Fraumeni-Syndrom. Eine Strahlentherapie führt hier zu mehr Krebserkrankungen.
  • Mikrosatelliteninstabilität: Marker im Tumorgewebe, welcher leicht bestimmt werden kann. 15 – 20% der Dickdarmkarzinome weisen dieses Phänomen der Mikrosatelliteninstabilität auf. Dies führt dazu, dass sie anders auf eine Chemotherapie reagieren. Deshalb ist man hier zurückhaltend mit Chemotherapeutika. Dagegen haben sich Immuntherapien, insbesondere bei Metastasen, als sehr wirksam herausgestellt. Ein Anteil der Tumore mit Mikrosatelliteninstabilität sind erblich und dem bereits erwähnten Lynch-Syndrom (früher HNPCC (hereditäres, nicht polypöses Kolonkarzinom)) zuzuordnen. Es gibt 5 Gene, die zum Lynch-Syndrom führen. Jedes dieser Gene führt allerdings zu einer anderen Ausprägung des Syndroms.
  • MSH6 Gen: Führt zu viel mehr Gebärmutterkrebs als Dickdarmkrebs.

Was wird die Zukunft bringen?

  • Die genetische Testung wird zunehmend verfügbar sein.
  • Es könnte sein, dass mit histologischen Biopsien auch direkt genetische Testungen gemacht werden, die Auswirkungen auf die Therapie haben könnten.
  • Beispielsweise könnten sehr strahlensensible Tumore des Enddarms erkannt werden und so eine aufwendige Operation vermieden werden.
  • Die Schnelligkeit und Verfügbarkeit der Testungen werden zunehmen. Das Verständnis darüber, welche Therapien bei welchen Tumoren am besten wirken wird ebenfalls zunehmen.

Kontakt:

Prof. Dr. med. G. Möslein
Leiterin des Zentrums für Hereditäre Tumorerkrankungen
Tel.: 0203 6008-3152
g.moeslein@bethesda.de