Die Rolle des Betreuungsgesetztes, rechtliche Rahmenbedingungen von Fixierungen, Psychiatrische Notfallmedikamente

Heute hörst Du mit Folge #63 den 2. Teil des Interviews mit dem Psychiater Peer Scholz. Gleichzeitig ist dies der letzte Podcast vor unserer kleinen Sommerpause.

Falls Du den ersten Teil noch nicht gehört haben solltest, dann findest Du das Podcast-Interview mit Peer zum Thema PsychKG hier:

Psychiatrische Notfälle und rechtliche Rahmenbedingungen Teil 1 – mit Peer Scholz

In diesem Podcast fokussieren wir uns auf das Betreuungsgesetz, die rechtlichen Rahmenbedingungen für Fixierungen und psychiatrische Notfallmedikamente.

1. Betreuungsgesetz (BTG):

Findet sich im bürgerlichen Gesetzbuch und soll dem Schutz von Menschen, die aufgrund von bestimmten Erkrankungen nicht mehr für sich sorgen können, dienen. Wird für unterschiedliche Bereiche des persönlichen Lebens ausgesprochen, in denen der Patient eingeschränkt ist (z.B. Finanzen, Aufenthaltsbestimmungsrecht, Gesundheitsfürsorge, Behördliche Angelegenheiten, Wohnangelegenheiten). Zur Anregung einer gesetzlichen Betreuung ist ein ärztliches Zeugnis erforderlich, darauf folgt ein ausführliches ärztliches Gutachten. Fremdgefährdung ist kein Aspekt bei der Einleitung einer gesetzlichen Betreuung. Konzipiert für chronisch kranke Menschen. Bei akuten Gefährdungssituation durch Menschen mit psychischen Erkrankungen: PsychKG.

2. Fixierungen:

Nur zulässig, wenn die Gefahr für den Patienten oder Dritte nicht anders anwendbar ist (z.B. durch deeskalierende Maßnahmen) und zwar immer nur so kurz wie möglich. In NRW gilt formal aktuell, dass in psychiatrischen Kliniken im Rahmen eines PsychKGs eine Fixierungsdauer von mehr als 30 Minuten einer richterlichen Genehmigung bedarf. Der sog. “rechtfertigende Notstand” erlaubt es aber dem behandelnden Arzt in der somatischen Klinik Maßnahmen zum Schutz des Patienten und anderer Menschen zu ergreifen (z.B. durch Fixierungen), wenn der Patient krankheitsbedingt nicht in der Lage ist, seine Situation einzuschätzen (Dauer bis zu 48 Stunden).

3. psychiatrische Notfallmedikation:

hier gilt natürlich auch, dass alle anderen Mittel, z.B. der Versuch der Deeskalation, keinen Erfolg gebracht haben. Zuvor müssen auch “Sicherungsmaßnahmen” wie Fixierungen als weniger invasives Mittel ausprobiert worden sein.

Lorazepam und Haloperidol sind weiterhin als die “Klassiker” anzusehen, weil gut steuerbar, gut und schnell wirksam und oral, i.m., bzw. i.v. verfügbar. Diazepam hat den Nachteil der deutlich längeren HWZ, sowie die Gefahr der Akkumulation von Abbau-Metaboliten, die ihrerseits eine HWZ von ca. 100 Stunden haben Vorsicht bei der Anwendung von Benzodiazepinen bei intoxikierten Patienten (Gefahr der Atemdepression).

Haloperidol ist sicherlich mittlerweile überwiegend nur in der Behandlung von akuten Krankheitsbildern gerechtfertigt aufgrund der extrapyramidalen Nebenwirkungen.

Bei älteren Patienten sind Dosierungen von 0,5 bis 2mg Haloperidol häufig ausreichend (alternativ z.B. Risperidon 0,5-2mg), bei jungen Patienten maximal 10 mg Haloperidol (in seltenen Fällen mehr) i.v.-Anwendung von Haloperidol nicht mehr empfohlen!! Olanzapin, Aripiprazol und Ziprasidon sind als i.m. “Akutvariante” verfügbar.

Loxapin: inhalatives Antipsychotikum als neue Entwicklung. Nachteil: hoher Preis und in der Akutsituation schwierige Handhabung.

Hier findest Du den aktuellen Gesetzestext des PsychKG für das Land NRW: Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten (PsychKG)

Zum Schluss noch Peers Buch-Empfehlung für die Kitteltasche:

Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie

Viel Spaß bei Hören und Lernen!